Jedes
Jahr zur Himmelfahrt-Zeit treffen sich auf der nordfriesischen Insel Pellworm
archäologisch Interessierte zu den "Pellwormer
Rungholttagen". Seit vielen Jahren wogt der Streit der Kulturwissenschaftler
um die mittelalterliche "Stadt Rungholt" hin und her. Das "Atlantis" der
Nordsee versank am 16. Januar 1362 in einer verheerenden Sturmflut der Nordsee:
der "groten Manndränke". Der "Blanke Hans" schlug damals fürchterlich
zu und verschlang einen Großteil der Region Nordstrand.
Der
Poet Detlev von Liliencron beschrieb 1882
in "Trutz, Blanke Hans" den sagenumwogenen
Untergang der "Stadt Rungholt", in der es zuging, "wie in der Blütezeit
des alten Roms". Reich und mächtig soll Rungholt gewesen sein. Nach
einer alten Karte des Husumer Kartographen Johannes
Meier von 1652 soll Rungholt im Dreieck Nordstrand - Pellworm -
Südfall gelegen haben. Seitdem suchen Heimatforscher und Romantiker
Jahr um Jahr nach dieser Karte nach Resten der versunken Stadt im Watt.
Seit
einigen Jahren werden die "Rungholt-Jünger" von dem Bremer Kulturwissenschaftler
Hans Peter Duerr angeführt.
Mit seinen Studenten kommt Duerr regelmäßig ins nordfriesische
Watt und sucht nach Überresten. Vor Südfall will er die Reste
eines Langhauses, diverse Reste von Hausrat und andere Siedlungsspuren
gefunden haben. Im letzten Jahr wurde ein Artikel in der Wochenzeitung
"Die Zeit" gedruckt. "Und jetzt sieht es so aus, als sei es uns gelungen,
nicht nur Rungholt ziemlich exakt zu orten, sondern vor allem dessen Kirche
wiedergefunden zu haben." Das Archäologische Landesamt
Schleswig konnte die "Funde" von Hans Peter Duerr nicht bestätigen.
Das angebliche Kirchenfundament konnte nicht gefunden werden. Das vermeintliche
mittelalterliche Langhaus wurde als "historische Müllgrube" deklariert.
Trotzdem
bleiben Fragen offen. An ganz anderer Stelle wurden die im Husumer Museum
"Nissenhaus" ausgestellten "Rungholter-Schleusenreste"
gefunden. Das splittrige Stück Holz wurde im Isotopenlabor
der Kieler Universität tatsächlich auf die Rungholtzeit datiert.
Neben
den vielen "Hobby-Forschern" arbeiten auch Wissenschafler der Kieler Universität
und des Archäologischen Landesamtes Schleswig im Rahmen der Küstenforschung
und des Norderhever-Projektes an den Gründen für die erheblichen
Landverluste im Mittelalter.
Detlev
von Liliencron hatte in seinem Gedicht den Untergang von Rungholt als
Gottesurteil für das lasterhafte Verhalten der Bürger beschrieben.
Nach den heute vorliegenden Erkenntnissen hat das Gebiet um Rungholt auf
einer mit langsam absinkenden Sedimenten verfüllten eiszeitlichen
Schmelz-Wasserrinne gelegen. Somit sackte das Gebiet dann in den Jahren
soweit ab, daß es von der nächsten großen Sturmflut mit
"Mann und Maus" weggerissen wurde.
Auch
an der Genauigkeit der historischen Karte von Meier (1652) haben die Wissenschaftler
heute so ihre Zweifel. Meier hat nachweislich Orte auf der Karte ausgewiesen,
die es noch heute gibt: aber auf dem noch existierenden Festland. In Meiers
Karte liegen sie inmitten des heutigen Wattenmeeres und dürften somit
1362 untergegangen sein. Somit bleiben nach Analysen des Kieler Geograph
Dr. Bodo Higelke erhebliche Zweifel, ob Rungholt
wirklich da gestanden hat, wo es die alte Karte ausweist. Eines ist sicher:
Rungholt existiert heute nicht mehr. Aber ist es wirklich im Meer versunken,
oder wurde es in einem Krieg zerstört?
Das
Rungholt wirklich existierte, belegen alte Dokumente. In Rungholt stand
die Hauptkirche des heute versunken Gebietes. Zudem mußten die Bürger
Rungholts die höchsten Steuern der Region zahlen, da sie die besten
Böden und damit die höchsten Ernteerträge weit und breit
hatten. Hinzu kommt, daß Rungholt, wie alte Kirchenunterlagen beweisen,
den einzigen Schiffsanleger der gesamten Region besaß. Damit liefen
automatisch Handel, kultureller Austausch und alle Informationen, die
mit den Schiffen aus aller Welt kamen, über diese Stadt. Rungholt
war somit für mittelalterliche Verhältnisse eine regionale Metropole.
Die
"Rungholter-Schleusenreste" fand am 16. Mai 1921 der 1972 verstorbene
Nordstrander Bauer Andreas Bauer. Der "Hobby-Archäologe"
Bauer wurde von der Kieler Uni damals als genialer Autodidakt ausgezeichnet.
In jahrzehntelanger Arbeit förderte Bauer südlich von Südfall
Warftreste (künstliche Wohnhügel), Gräben, Dämme und
Ackerspuren zutage. Der Küstenarchäologe Hans-Joachim Kühn
hat sich auf die Suche nach Rungholt spezialisiert. Seiner Meinung nach
vermutet er den Siedlungsbereich auch dort, wo Andreas Bauer schon 1921
seine Funde tätigte. Nach den Aktenstudien des Niebüller Regional-Historiker
Albert Panten hat es Rungholt wirklich gegeben.
In den Akten des Hamburger Staatsarchivs fand er eine Testaments-Urkunde
von 1345 an die Richter und Ratsleute des "Kirchspiels von Rungholte",
leider aber ohne Ortsangaben.
Wonach
aber alle "Rungholt-Fanatiker" suchen, ist ein eindeutiges "Ortsschild".
Ob dies aber je gefunden wird, bleibt eher fraglich. Die Suche hat sich
aber eindeutlich auf die Region um die Hallig Südfall konzentriert.
Hier wohnt seit 20 Jahren Robert Brauer.
Der Verwalter der staatlichen Hallig macht sich ebenfalls so seine Gedanken
über das versunkene Rungholt: "Ich mache mir hier im Watt zwangsläufig
schon machmal Gedanken, wie es sich wohl an dieser Stelle ganz früher
gelebt haben mag."
Und
die Legende lebt weiter - Jahr für Jahr "pilgern" hunderte von "Hobby-Archäologen
zu den "Pellwormer Rungholttagen" an Himmelfahrt.
Eine wissenschaftlich datierte und gut aufgebaute Sammlung alter Funde
gibt es im Pellwormer Rungholtmuseum Bahnsen.
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