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Märchen und Sagen aus Schleswig-Holstein 
 Das sagenhafte "Rungholt" - vom Meer verschlungen vor 638 Jahren
Jedes Jahr zur Himmelfahrt-Zeit treffen sich auf der nordfriesischen Insel Pellworm archäologisch Interessierte zu den "Pellwormer Rungholttagen". Seit vielen Jahren wogt der Streit der Kulturwissenschaftler um die mittelalterliche "Stadt Rungholt" hin und her. Das "Atlantis" der Nordsee versank am 16. Januar 1362 in einer verheerenden Sturmflut der Nordsee: der "groten Manndränke". Der "Blanke Hans" schlug damals fürchterlich zu und verschlang einen Großteil der Region Nordstrand.

Der Poet Detlev von Liliencron beschrieb 1882 in "Trutz, Blanke Hans" den sagenumwogenen Untergang der "Stadt Rungholt", in der es zuging, "wie in der Blütezeit des alten Roms". Reich und mächtig soll Rungholt gewesen sein. Nach einer alten Karte des Husumer Kartographen Johannes Meier von 1652 soll Rungholt im Dreieck Nordstrand - Pellworm - Südfall gelegen haben. Seitdem suchen Heimatforscher und Romantiker Jahr um Jahr nach dieser Karte nach Resten der versunken Stadt im Watt.

Seit einigen Jahren werden die "Rungholt-Jünger" von dem Bremer Kulturwissenschaftler Hans Peter Duerr angeführt. Mit seinen Studenten kommt Duerr regelmäßig ins nordfriesische Watt und sucht nach Überresten. Vor Südfall will er die Reste eines Langhauses, diverse Reste von Hausrat und andere Siedlungsspuren gefunden haben. Im letzten Jahr wurde ein Artikel in der Wochenzeitung "Die Zeit" gedruckt. "Und jetzt sieht es so aus, als sei es uns gelungen, nicht nur Rungholt ziemlich exakt zu orten, sondern vor allem dessen Kirche wiedergefunden zu haben." Das Archäologische Landesamt Schleswig konnte die "Funde" von Hans Peter Duerr nicht bestätigen. Das angebliche Kirchenfundament konnte nicht gefunden werden. Das vermeintliche mittelalterliche Langhaus wurde als "historische Müllgrube" deklariert.

Trotzdem bleiben Fragen offen. An ganz anderer Stelle wurden die im Husumer Museum "Nissenhaus" ausgestellten "Rungholter-Schleusenreste" gefunden. Das splittrige Stück Holz wurde im Isotopenlabor der Kieler Universität tatsächlich auf die Rungholtzeit datiert.

Neben den vielen "Hobby-Forschern" arbeiten auch Wissenschafler der Kieler Universität und des Archäologischen Landesamtes Schleswig im Rahmen der Küstenforschung und des Norderhever-Projektes an den Gründen für die erheblichen Landverluste im Mittelalter.

Detlev von Liliencron hatte in seinem Gedicht den Untergang von Rungholt als Gottesurteil für das lasterhafte Verhalten der Bürger beschrieben. Nach den heute vorliegenden Erkenntnissen hat das Gebiet um Rungholt auf einer mit langsam absinkenden Sedimenten verfüllten eiszeitlichen Schmelz-Wasserrinne gelegen. Somit sackte das Gebiet dann in den Jahren soweit ab, daß es von der nächsten großen Sturmflut mit "Mann und Maus" weggerissen wurde.

Auch an der Genauigkeit der historischen Karte von Meier (1652) haben die Wissenschaftler heute so ihre Zweifel. Meier hat nachweislich Orte auf der Karte ausgewiesen, die es noch heute gibt: aber auf dem noch existierenden Festland. In Meiers Karte liegen sie inmitten des heutigen Wattenmeeres und dürften somit 1362 untergegangen sein. Somit bleiben nach Analysen des Kieler Geograph Dr. Bodo Higelke erhebliche Zweifel, ob Rungholt wirklich da gestanden hat, wo es die alte Karte ausweist. Eines ist sicher: Rungholt existiert heute nicht mehr. Aber ist es wirklich im Meer versunken, oder wurde es in einem Krieg zerstört?

Das Rungholt wirklich existierte, belegen alte Dokumente. In Rungholt stand die Hauptkirche des heute versunken Gebietes. Zudem mußten die Bürger Rungholts die höchsten Steuern der Region zahlen, da sie die besten Böden und damit die höchsten Ernteerträge weit und breit hatten. Hinzu kommt, daß Rungholt, wie alte Kirchenunterlagen beweisen, den einzigen Schiffsanleger der gesamten Region besaß. Damit liefen automatisch Handel, kultureller Austausch und alle Informationen, die mit den Schiffen aus aller Welt kamen, über diese Stadt. Rungholt war somit für mittelalterliche Verhältnisse eine regionale Metropole.

Die "Rungholter-Schleusenreste" fand am 16. Mai 1921 der 1972 verstorbene Nordstrander Bauer Andreas Bauer. Der "Hobby-Archäologe" Bauer wurde von der Kieler Uni damals als genialer Autodidakt ausgezeichnet. In jahrzehntelanger Arbeit förderte Bauer südlich von Südfall Warftreste (künstliche Wohnhügel), Gräben, Dämme und Ackerspuren zutage. Der Küstenarchäologe Hans-Joachim Kühn hat sich auf die Suche nach Rungholt spezialisiert. Seiner Meinung nach vermutet er den Siedlungsbereich auch dort, wo Andreas Bauer schon 1921 seine Funde tätigte. Nach den Aktenstudien des Niebüller Regional-Historiker Albert Panten hat es Rungholt wirklich gegeben. In den Akten des Hamburger Staatsarchivs fand er eine Testaments-Urkunde von 1345 an die Richter und Ratsleute des "Kirchspiels von Rungholte", leider aber ohne Ortsangaben.

Wonach aber alle "Rungholt-Fanatiker" suchen, ist ein eindeutiges "Ortsschild". Ob dies aber je gefunden wird, bleibt eher fraglich. Die Suche hat sich aber eindeutlich auf die Region um die Hallig Südfall konzentriert. Hier wohnt seit 20 Jahren Robert Brauer. Der Verwalter der staatlichen Hallig macht sich ebenfalls so seine Gedanken über das versunkene Rungholt: "Ich mache mir hier im Watt zwangsläufig schon machmal Gedanken, wie es sich wohl an dieser Stelle ganz früher gelebt haben mag."

Und die Legende lebt weiter - Jahr für Jahr "pilgern" hunderte von "Hobby-Archäologen zu den "Pellwormer Rungholttagen" an Himmelfahrt. Eine wissenschaftlich datierte und gut aufgebaute Sammlung alter Funde gibt es im Pellwormer Rungholtmuseum Bahnsen.

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